1:12

Die 1:12 Initiative wurde abgeschmettert, Hauptargument: „kein Lohndiktat vom Staat!“

Propaganda-Grundkurs:
Wenn etwas schlecht ist, sagt man „Staat“.
Wenn wir es gut gut finden sollen: „Volk“.
(Geheimnis: WIR sind das Volk. L’État c’est nous!)

Beispiel:
„Das Volk will keine Ausländer, der Staat will mehr Lohn.“
nicht
„Der Staat will keine Ausländer, das Volk will mehr Lohn.“

Und in diesem Fall nicht
„Ihr wollt mehr Lohn“, sondern
„Die neidischen Initiatoren gönnen es den Bossen nicht.“

Die Wahl gewinnt in der Regel der gewieftere Manipulator, denn das Volk entscheidet emotional (noch!), wie bei der Abzocker-Initiative, die wegen eines Skandals über Vasella’s 72 Millionen angenommen wurde (Bericht auf Englisch).

Gegenargumente gegen 1:12 gibt es übrigens keine, sondern nur Warnungen vor negativen Folgen, z.B. der Klassiker „die lieben Firmen werden uns verlassen.“ Aber überall wo’s Menschen gibt, sind Geschäfte zu machen! Siehe facebook-Umfage vom 24.5.

Nicht fehlen durfte eine Studie, nach der geringere Cheffen-Löhne zu geringeren Steuereinnahmen führen würden. Das ist zwar völlig logisch, aber es ist immer gut, eine Studie zitieren zu können. Ob die Wirtschaftsuni auch forschte, was passieren würde, wenn man die Löhne der unteren Chargen anhebt?*

Was man im Prinzip sagte war: „Wenn Ihr mehr Geld von den Firmen verlangt, wird es Euch durch Steuern einfach wieder weg genommen.“ Ironischerweise war es einer der jungen Konservativen, der etwas ehrlicher sprach: „Ja, wenn es das Volk will, muss man schauen ob man es irgendwie umsetzen kann.“ Statt die Hoffnung gleich mit einseitig-ausgelegten Hypothesen im Keim zu ersticken.

Eins ist bei den Schweizern klar: es ist ihnen wichtig, als bescheiden und fleissig zu gelten.** Und alle Menschen wollen gelobt werden; wir sind sehr gut traininert, nicht als Egoisten zu denken. (Das projizieren/delegieren wir viel lieber auf/an Banker!)

Von den „Gegnern“, die einfach sagen, das System funktioniere doch prima, auch die Löhne seien jetzt gut geregelt, ist erstens selber nicht Müllmann, und zweitens ist das kein Argument gegen 1:12, sondern für das jetzige System. (Dass man Systeme auch verbessern kann, ist ebenfalls ein Geheimnis.)

Ich biete hiermit offiziell hundert Stutz jedem, der sich hinstellt und verkündet „Die Putzfrau soll weniger als ein Zwölftel bekommen, weil ihre Arbeit einfach soviel weniger wert ist.“ Bitte Namen und Adressen als Comment eintragen, dann erledigt sich das von selber…

Die Schönsten kontra-Argumente sind jene, die eigentlich pro-Argumente sind. Sie sind für die Sache, zweifeln aber an der Wirksamkeit. Zum Beispiel der Hinweis, die vorliegende 1:12 Initiative der Juso erwähne nicht konkret Auslagerung (Outsourcing, Sub-Kontraktoren). Gehört das in einen Initiativ-Text? Vielleicht. Fakt ist aber: wäre die Auslagerung drin gewesen, wären die genau gleichen Gegner halt mit anderen Argumenten gekommen. Das hat damit zu tun, dass in der Politik nur äusserst selten über die Sache an sich diskutiert wird (ehrlich), sondern schon von der ersten Minute an die PR-Abteilung mit arbeitet.

Ich, Michael K, habe selber massiv vom System profitiert. Ich kenne Menschen von beiden Seiten, und habe Empathie für beide. Die ultimative Gewinnerin ist übrigens meine Putzfrau, die im Zweitjob teilzeit putzt, um sich etwas zu bewegen. Sie ist glücklich, und ihr Lohn ist nicht nur in Zahlen messbar.

* Eine alternative Studie wurde etwas korrekter präsentiert: „Unmöglich zu quantifizieren (…) schlicht keine Vergleichsfälle. Leider kommen klare Aussagen in den Medien besser an als „wissen wir nicht.“
Mehr über die „Gegner-„Studie: Warnung hier, und hier vom Befürworter relativiert.

** Das ist das Land, das gegen eine zusätzliche Woche Ferien stimmte.

Bild: 1-12-nein.ch

Bild: 1-12-nein.ch

MK, updated 27.12.2013

Update 5.1.2014 Nächster Schritt für die Juso könnte etwas sein wie in Wallraff’s Schöne Neue Arbeitswelt („Aus der schönen neuen Welt – Expeditionen ins Landesinnere“), S. 186 beschrieben: „…gefragt, was (…) eine gerechte Strafe für solch einen Menschenschinder wäre. >>Es müsste ein Gesetz geben (…), dass so ein Mann mindestens acht Wochen in der Produktion arbeitet, unter den Bedingungen, die er zu verantworten hat.<<
Könnte natürlich schwierig sein, dem Nestlé CEO aufzuzwingen, 8 Wochen in Indien Plastik-Wasser zu verkaufen, während er selber sich nur vergiftetes Grundwasser leisten kann, aber es ist ein Konzept für die Ewigkeit: einfach EMPATHIE fördern. Das beginnt mit der Erziehung.
Muss noch schlimmer werden, bevor’s besser wird, und vielleicht wird’s nie besser.
Wobei: sag‘ niemals nie. Es gibt eine Reality TV-Show Undercover Boss, wo Bosse (hauptsächlich zwar nur KMU) in ihrer Firma ganz unten anfangen. Regelmässig endet die Sendung mit dem Gelöbnis, die Bedingungen da zu verbessern. Immerhin.

3 Antworten zu “1:12

  1. „Kollektive Verhandlungen werden von den Sozialpartnern auf Branchen- oder Firmenebene geführt.“ – Hat da jemand Angst, das G-Wort zu sagen? Also die Gewerkschaften machen schon ihren Job…darum unterstützen sie auch diese Initiative!

  2. Pingback: Informative | Himmelstor·

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